Dichter der Superlative
Über Georg Büchner spricht man in Superlativen. Sein Drama „Woyzeck“ ist den Glanzleistungen der europäischen Tragödie, dem „König Ödipus“ des Sophokles oder dem „King Lear“ Shakespeares, ebenbürtig. Seine Erzählung „Lenz“ gilt als „Beginn der modernen europäischen Prosa“ und „Der Hessische Landbote“ als die wichtigste Flugschrift zwischen den Bauernkriegen und dem „Kommunistischen Manifest“.
Neben Hoffmann und Heine ist Büchner der bedeutendste deutsche Dichter des frühen 19. Jahrhunderts und neben Grimmelshausen und Goethe der größte hessische Dichter. Seine Werke gehören zum Schulkanon, sind international verbreitet, werden verfilmt und dienen Opernkomponisten immer wieder als Libretto. Als Büchner 1837 dreiundzwanzigjährig starb, war er Privatdozent der Universität Zürich.
Dieses wirkungsmächtige, facettenreiche und seit 1890 jede junge Generation von neuem aufwühlende und inspirierende Werk entstand in nur drei Jahren eines kurzen Lebens. In drei Jahren, die zudem erfüllt waren von konspirativer revolutionärer Tätigkeit für die Umwandlung Deutschlands in eine Republik und für die Einführung ökonomischer Gerechtigkeit, von der Flucht nach Straßburg und von den Existenznöten eines nur eben polizeilich Geduldeten; erfüllt zugleich von der Liebe zu einer jungen Frau, von engen Freundschaften und von beruflichem Erfolg als Naturwissenschaftler.
Büchners dichterische Werke wirken oft abgehetzt, unfertig und rätselhaft, sie verschrecken, provozieren zum Widerspruch und sperren sich gegen vereinheitlichende Deutungen. Ebendies hat dazu geführt, dass die Vertreter aller avantgardistischen Strömungen seit etwa 1890 Büchner als ihren Wegbereiter betrachten. Für sie alle ist Büchner ein „moderner Dichter“.
Prof. Dr. Burghard Dedner
Philipps-Universität Marburg
Forschungsstelle Georg Büchner
